The Project Gutenberg EBook of Die Leute von Seldwyla, Vol. 1, by Gottfried Keller Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Ein Maerchen EINLEITUNG Seldwyla bedeutet nach der aelteren Sprache einen wonnigen und sonnigen Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses Namens gelegen irgendwo in der Schweiz. Sie steckt noch in den gleichen alten Ringmauern und Tuermen, wie vor dreihundert Jahren, und ist also immer das gleiche Nest; die urspruengliche tiefe Absicht dieser Anlage wird durch den Umstand erhaertet, dass die Gruender der Stadt dieselbe eine gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angepflanzt, zum deutlichen Zeichen, dass nichts daraus werden solle. Aber schoen ist sie gelegen mitten in gruenen Bergen, die nach der Mittagseite zu offen sind, so dass wohl die Sonne herein kann, aber kein rauhes Lueftchen. Deswegen gedeiht auch ein ziemlich guter Wein rings um die alte Stadtmauer, waehrend hoeher hinauf an den Bergen unabsehbare Waldungen sich hinziehen, welche das Vermoegen der Stadt ausmachen; denn dies ist das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal derselben, dass die Gemeinde reich ist und die Buergerschaft arm, und zwar so, dass kein Mensch zu Seldwyla etwas hat und niemand weiss, wovon sie seit Jahrhunderten eigentlich leben. Und sie leben sehr lustig und guter Dinge, halten die Gemuetlichkeit fuer ihre besondere Kunst und, wenn sie irgendwo hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so kritisieren sie zuerst die dortige Gemuetlichkeit und meinen, ihnen tue es doch niemand zuvor in dieser Hantierung. Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von etwa zwanzig bis fuenf-, sechsunddreissig Jahren, und diese sind es, welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von Seldwyla darstellen. Denn waehrend dieses Alters ueben sie das Geschaeft, das Handwerk, den Vorteil oder was sie sonst gelernt haben, d. h. sie lassen, solange es geht, fremde Leute fuer sich arbeiten und benutzen ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen Schuldenverkehres, der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und Gemuetlichkeit der Herren von Seldwyla bildet und mit einer ausgezeichneten Gegenseitigkeit und Verstaendnisinnigkeit gewahrt wird; aber wohlgemerkt, nur unter dieser Aristokratie der Jugend. Denn sowie einer die Grenze der besagten bluehenden Jahre erreicht, wo die Maenner anderer Staedtlein etwa anfangen, erst recht in sich zu gehen und zu erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er muss fallen lassen und haelt sich, wenn er ein ganz gewoehnlicher Seldwyler ist, ferner am Orte auf, als ein Entkraefteter und aus dem Paradies des Kredites Verstossener, oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht verbraucht ist, so geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort fuer einen fremden Tyrannen, was er fuer sich selbst zu ueben verschmaeht hat, sich einzuknoepfen und steif aufrechtzuhalten. Diese kehren als tuechtige Kriegsmaenner nach einer Reihe von Jahren zurueck und gehoeren dann zu den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die junge Mannschaft zu erziehen wissen, dass es eine Lust ist. Andere ziehen noch anderwaerts auf Abenteuer aus gegen das vierzigste Jahr hin, und in den verschiedensten Weltteilen kann man Seldwyler treffen, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie sehr geschickt Fische zu essen verstehen, in Australien, in Kalifornien, in Texas, wie in Paris oder Konstantinopel. Was aber zurueckbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann nachtraeglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend kleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt, fuer den taeglichen Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist ruehrend anzusehen, wie taetig sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten Stueckchen Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Buerger die Fuelle und die Gemeinde verkauft jaehrlich noch einen guten Teil, woraus die grosse Armut unterstuetzt und genaehrt wird, und so steht das alte Staedtchen in unveraenderlichem Kreislauf der Dinge bis heute. Aber immer sind sie im ganzen zufrieden und munter, und wenn je ein Schatten ihre Seele truebt, wenn etwa eine allzu hartnaeckige Geldklemme ueber der Stadt weilt, so vertreiben sie sich die Zeit und ermuntern sich durch ihre grosse politische Beweglichkeit, welche ein weiterer Charakterzug der Seldwyler ist. Sie sind naemlich leidenschaftliche Parteileute, Verfassungsrevisoren und Antragsteller, und wenn sie eine recht verrueckte Motion ausgeheckt haben und durch ihr Grossratsmitglied stellen lassen, oder wenn der Ruf nach Verfassungsaenderung in Seldwyla ausgeht, so weiss man im Lande, dass im Augenblicke dort kein Geld zirkuliert. Dabei lieben sie die Abwechselung der Meinungen und Grundsaetze und sind stets den Tag darauf, nachdem eine Regierung gewaehlt ist, in der Opposition gegen dieselbe. Ist es ein radikales Regiment, so scharen sie sich, um es zu aergern, um den konservativen froemmlichen Stadtpfarrer, den sie noch gestern gehaenselt, und machen ihm den Hof, indem sie sich mit verstellter Begeisterung in seine Kirche draengen, seine Predigten preisen und mit grossem Geraeusch seine gedruckten Traktaetchen und Berichte der Baseler Missionsgesellschaft umherbieten, natuerlich ohne ihm einen Pfennig beizusteuern. Ist aber ein Regiment am Ruder, welches nur halbwegs konservativ aussieht, stracks draengen sie sich um die Schullehrer der Stadt und der Pfarrer hat genug an den Glaser zu zahlen fuer eingeworfene Scheiben. Besteht hingegen die Regierung aus liberalen Juristen, die viel auf die Form halten, und aus haecklichen Geldmaennern, so laufen sie flugs dem naechstwohnenden Sozialisten zu und aergern die Regierung, indem sie denselben in den Rat waehlen mit dem Feldgeschrei: Es sei nun genug des politischen Formenwesens und die materiellen Interessen seien es, welche allein das Volk noch kuemmern koennten. Heute wollen sie das Veto haben und sogar die unmittelbarste Selbstregierung mit permanenter Volksversammlung, wozu freilich die Seldwyler am meisten Zeit haetten, morgen stellen sie sich uebermuedet und blasiert in oeffentlichen Dingen und lassen ein halbes Dutzend alte Stillstaender, die vor dreissig Jahren falliert und sich seither stillschweigend rehabilitiert haben, die Wahlen besorgen; alsdann sehen sie behaglich hinter den Wirtshausfenstern hervor die Stillstaender in die Kirche schleichen und lachen sich in die Faust, wie jener Knabe, welcher sagte: Es geschieht meinem Vater schon recht, wenn ich mir die Haende verfriere, warum kauft er mir keine Handschuhe! Gestern schwaermten sie allein fuer das eidgenoessische Bundesleben und waren hoechlich empoert, dass man Anno achtundvierzig nicht gaenzliche Einheit hergestellt habe; heute sind sie ganz versessen auf die Kantonalsouveraenitaet und haben nicht mehr in den Nationalrat gewaehlt. Wenn aber eine ihrer Aufregungen und Motionen der Landesmehrheit stoerend und unbequem wird, so schickt ihnen die Regierung gewoehnlich als Beruhigungsmittel eine Untersuchungskommission auf den Hals, welche die Verwaltung des Seldwyler Gemeindegutes regulieren soll; dann haben sie vollauf mit sich selbst zu tun und die Gefahr ist abgeleitet. Alles dies macht ihnen grossen Spass, der nur ueberboten wird, wenn sie allherbstlich ihren jungen Wein trinken, den gaerenden Most, den sie Sauser nennen; wenn er gut ist, so ist man des Lebens nicht sicher unter ihnen, und sie machen einen Hoellenlaerm; die ganze Stadt duftet nach jungem Wein und die Seldwyler taugen dann auch gar nichts. Je weniger aber ein Seldwyler zu Hause was taugt, um so besser haelt er sich sonderbarerweise, wenn er ausrueckt, und ob sie einzeln oder in Kompanie ausziehen, wie z.B. in frueheren Kriegen, so haben sie sich doch immer gut gehalten. Auch als Spekulant und Geschaeftsmann hat schon mancher sich ruestig umgetan, wenn er nur erst aus dem warmen sonnigen Tale herauskam, wo er nicht gedieh. In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand seltsamen Geschichten und Lebenslaeufen nicht fehlen, da Muessiggang aller Laster Anfang ist. Doch nicht solche Geschichten, wie sie in dem beschriebenen Charakter von Seldwyla liegen, will ich eigentlich in diesem Buechlein erzaehlen, sondern einige sonderbare Abfaellsel, die so zwischendurch passierten, gewissermassen ausnahmsweise, und doch auch gerade nur zu Seldwyla vor sich gehen konnten. * * * * * PANKRAZ, DER SCHMOLLER Auf einem stillen Seitenplaetzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die Witwe eines Seldwylers, der schon lange fertig geworden und unter dem Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen, vielmehr fuehlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann zu sein, dass ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit voruebergegangen und er der Sitte gemaess abtreten musste von dem Schauplatz der Taten, da erschien ihm alles wie ein wuester Traum und wie ein Betrug um das Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt. Er hinterliess seiner Witwe ein kleines baufaelliges Haeuschen, einen Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milch und Butter, um die Kartoffeln zu kochen, die sie pflanzte, und ein kleiner Witwengehalt, den der Armenpfleger jaehrlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal einige Wochen ueber den Termin hinaus in seinem Geschaefte benutzt, reichte gerade zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen Ausgaben hin. Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem die aermlichen Gewaender der Kinder gerade um jene verlaengerten Wochen zu frueh gaenzlich schadhaft waren und der Buttertopf ueberall seinen Grund durchblicken liess. Dieses Durchblicken des gruenen Topfbodens war eine so regelmaessige jaehrliche Erscheinung, wie irgendeine am Himmel, und verwandelte ebenso regelmaessig eine Zeitlang die kuehle, kuemmerlich-stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit. Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen; denn sie hielten sie in ihrem Unverstande fuer maechtig genug dazu, weil sie ihr ein und alles, ihr einziger Schutz und ihre einzige Oberbehoerde war. Die Mutter war unzufrieden, dass die Kinder nicht entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, oder beides zusammen erhielten. Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Eigenschaften. Der Sohn war ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren, mit grauen Augen und ernsthaften Gesichtszuegen, welcher des Morgens lang im Bette lag, dann ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuche las, und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, um dem Sonnenuntergang beizuwohnen, welches die einzige glaenzende und pomphafte Begebenheit war, welche sich fuer ihn zutrug. Sie schien fuer ihn etwa das zu sein, was fuer die Kaufleute der Mittag auf der Boerse; wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem Vorgang zurueck, und wenn es recht rotes und gelbes Gewoelk gegeben, welches gleich grossen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und majestaetisch manoevriert hatte, so war er eigentlich vergnuegt zu nennen. Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er ein Blatt Papier mit seltsamen Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Buendel legte, das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde. In diesem Buendelchen stak hauptsaechlich ein kleines Heft, aus einem zusammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weisse Rueckseiten mit allerlei Linien, Figuren und aufgereihten Punkten, dazwischen Rauchwolken und fliegende Bomben, gefuellt und beschrieben waren. Dies Buechlein betrachtete er oft mit grosser Befriedigung und brachte neue Zeichnungen darin an, meistens um die Zeit, wenn das Kartoffelfeld in voller Bluete stand. Er lag dann im bluehenden Kraut unter dem blauen Himmel, und wenn er eine weisse beschriebene Seite betrachtet hatte, so schaute er dreimal so lange in das gegenueberstehende glaenzende Goldblatt, in welchem sich die Sonne brach. Im uebrigen war es ein eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte. Seine Schwester war zwoelf Jahre alt und ein bildschoenes Kind mit langem und dickem braunen Haar, grossen braunen Augen und der allerweissesten Hautfarbe. Dies Maedchen war sanft und still, liess sich vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besass eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und beguenstigte ihn in seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und es ihm wahrscheinlicherweise einmal recht schlecht ergehen konnte, waehrend nach ihrer Ansicht das Maedchen nicht viel brauchte und schon deshalb unterkommen wuerde. Dieses musste daher unaufhoerlich spinnen, damit das Soehnlein desto mehr zu essen bekaeme und recht mit Musse sein einstiges Unheil erwarten koenne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebaerdete sich wie ein kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten laesst, und auch seine Schwester empfand hiervon keinen Verdruss und glaubte, das muesse so sein. Die einzige Entschaedigung und Rache nahm sie sich durch eine allerdings arge Unzukoemmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List oder Gewalt immer wieder erlaubte. Die Mutter kochte naemlich jeden Mittag einen dicken Kartoffelbrei, ueber welchen sie eine fette Milch oder eine Bruehe von schoener brauner Butter goss. Diesen Kartoffelbrei assen sie alle zusammen aus der Schuessel mit ihren Blechloeffeln, indem jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge heineingrub. Das Soehnlein, welches bei aller Seltsamkeit in Essangelegenheiten einen strengen Sinn fuer militaerische Regelmaessigkeit beurkundete und streng daraufhielt, dass jeder nicht mehr noch weniger nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, dass die Milch oder die gelbe Butter, welche am Rande der Schuessel umherfloss, gleichmaessig in die abgeteilten Gruben laufe; das Schwesterchen hingegen, welches viel harmloser war, suchte, sobald ihre Quellen versiegt waren, durch allerhand kuenstliche Stollen und Abzugsgraeben die wohlschmeckenden Baechlein auf ihre Seite zu leiten, und wie sehr sich auch der Bruder dem widersetzte und ebenso kuenstliche Daemme aufbaute und ueberall verstopfte, wo sich ein verdaechtiges Loch zeigen wollte, so wusste sie doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eroeffnen oder langte kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Loeffel und mit lachenden Augen in des Bruders gefuellte Grube. Alsdann warf er den Loeffel weg, lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schuessel zur Seite neigte und ihre eigene Bruehe voll in das Labyrinth der Kanaele und Daemme ihrer Kinder stroemen liess. So lebte die kleine Familie einen Tag wie den andern, und indem dies immer so blieb, waehrend doch die Kinder sich auswuchsen, ohne dass sich eine guenstige Gelegenheit zeigte, die Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden, fuehlten sich alle immer unbehaglicher und kuemmerlicher in ihrem Zusammensein. Pankraz, der Sohn, tat und lernte fortwaehrend nichts, als eine sehr ausgebildete und kuenstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine Schwester und sich selbst quaelte. Es ward dies eine ordentliche und interessante Beschaeftigung fuer ihn, bei welcher er die muessigen Seelenkraefte fleissig uebte im Erfinden von hundert kleinen haeuslichen Trauerspielen, die er veranlasste und in welchen er behende und meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wusste. Estherchen, die Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlte. Diese Oberflaechlichkeit aergerte und kraenkte dann den Pankraz so, dass er immer laengere Zeitraeume hindurch schmollte und aus selbstgeschaffenem Aerger selbst heimlich weinte. Doch nahm er bei dieser Lebensart merklich zu an Gesundheit und Kraeften, und als er diese in seinen Gliedern anwachsen fuehlte, erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tuechtigen Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um zu sehen, wie er irgendwo ein tuechtiges Unrecht auftreiben und erleiden koenne. Sobald sich ein solches zur Not dargestellt und entwickelt, pruegelte er unverweilt seine Widersacher auf das jaemmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen Taetigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im Ausspueren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, dass er sowohl einzelne ihm an Staerke weit ueberlegene Juenglinge als ganze Trupps derselben entweder besiegte, oder wenigstens einen ungestraften Rueckzug ausfuehrte. War er von einem solchen wohlgelungenen Abenteuer zurueckgekommen, so schmeckte ihm das Essen doppelt gut und die Seinigen erfreuten sich dann einer heitern Stimmung. Eines Tages aber war es ihm doch begegnet, dass er, statt welche auszuteilen, betraechtliche Schlaege selbst geerntet hatte, und als er voll Scham, Verdruss und Wut nach Hause kam, hatte Estherchen, welche den ganzen Tag gesponnen, dem Gelueste nicht widerstehen koennen und sich noch einmal ueber das fuer Pankraz aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen, und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmuetig, mit kaum verhaltenen Traenen in den Augen, besah er das unansehnliche, kaltgewordene Restchen, waehrend die schlimme Schwester, welche schon wieder am Spinnraedchen sass, unmaessig lachte. Das war zu viel und nun musste etwas Gruendliches geschehen. Ohne zu essen, ging Pankraz hungrig in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, dass er doch zum Fruehstueck kaeme, war er verschwunden und nirgends zu finden. Der Tag verging, ohne dass er kam, und ebenso der zweite und dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in grosse Angst und Not; sie sahen wohl, dass er vorsaetzlich davongegangen, indem er seine Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhoerlich, wenn alle Bemuehungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das ihnen nun doppelt einsam und arm erschien. Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiss, wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche Stille darueber durch die Welt herrscht, hab allnirgends auch nur der leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weiss doch, sie sind da und atmen irgendwo. So erging es der Mutter und dem Estherlein fuenf Jahre, zehn Jahre und fuenfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wussten nicht, ob ihr Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und gruendliches Schmollen, und Estherchen, welches eine schoene Jungfrau geworden, wurde darueber zu einer huebschen und feinen alten Jungfer, welche nicht nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich endlich zeigen wuerde, und zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe. Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, dass er eines Tages wiederkaeme und dass es dann etwas Rechtes auszulachen gaebe. Uebrigens fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem Lebensgluecke und sie dagegen mit ihrer Mutter unveraenderlich in einem kleinen Wohlstaendchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja einen tuechtigen Esser weniger und brauchten fuer sich fast gar nichts. Da war es einst ein heller schoener Sommernachmittag, mitten in der Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen Staedten fleissig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich saemtlich mit dem Sonnenschein auf den uebergruenten Kegelbahnen vor dem Tore oder auch in kuehlen Schenkstuben in der Stadt. Die Falliten und Alten aber haemmerten, naeheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen vergnuegten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu wuerdigen verstanden. Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die Kinder. Hinter einem bluehenden Rosmaringaertchen auf einem Brette sass die Witwe und spann, und ihr gegenueber Estherchen und naehete. Es waren schon einige Stunden seit dem Essen verflossen und noch hatte niemand eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da fand der Schuhmacher wahrscheinlich, dass es Zeit sei, eine kleine Erholungspause zu eroeffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi! dass alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenueber, der eigentlich kein Buchbinder war, sondern nur so aus dem Stegreif allerhand Pappkaestchen zusammenleimte und an der Tuere ein verwittertes Glaskaestchen haengen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: Zur Gesundheit! und alle Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch das Fenster, einige traten sogar vor die Tuere und gaben sich Prisen, und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung und zu einem froehlichen Gelaechter waehrend des Vesperkaffees, der schon aus allen Haeusern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt, sich aus wenigem einen Spass zu machen. Da kam in dies Vergnuegen herein ein fremder Leiermann mit einem schoenpolierten Orgelkasten, was in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborenen Leiermaenner besitzt. Er spielte ein sehnsuechtiges Lied von der Ferne und ihren Dingen, welches die Leute ueber die Massen schoen duenkte und besonders der Witwe Traenen entlockte, da sie ihres Pankraezchens gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plaetzchen wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber mit einem grossen fremden Vogel in einem Kaefig, den er unaufhoerlich zwischen dem Gitter durch mit einem Staebchen anstach und erklaerte, so dass der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die fernen blauesten Laender, ueber denen er in seiner Freiheit geschwebt, kamen der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht wusste, was das fuer Laender waeren, noch wo ihr Soehnchen sei. Um den Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Plaetzchen hinaustreten muessen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die Nasen in die Luft und lauerten auf noch mehr Merkwuerdigkeiten, da sie nun doch die Lust ankam, den uebrigen Tag zu vertroedeln. Diese Lust wurde denn auch erfuellt und es dauerte nicht lange, bis das allergroesste Spektakel sich mit grossem Laerm naeherte unter dem Zulauf aller Kinder des Staedtchens. Denn ein maechtiges Kamel schwankte auf den Platz, von mehreren Affen bewohnt; ein grosser Baer wurde an seinem Nasenringe herbeigefuehrt; zwei oder drei Maenner waren dabei, kurz ein ganzer Baerentanz fuehrte sich auf und der Baer tanzte und machte seine possierlichen Kuenste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, dass die friedlichen Leute sich fuerchteten und in scheuer Entfernung dem wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbaendig ueber den Baeren, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken, ueber das Kamel mit seinem selbstvergnuegten Gesicht und ueber die Affen. Die Mutter dagegen musste fortwaehrend weinen; denn der boese Baer erbarmte sie, und sie musste wiederum ihres verschollenen Sohnes gedenken. Als endlich auch dieser Aufzug wieder verschwunden und es wieder still geworden, indem die aufgeregten Nachbarn sich mit seinem Gefolge ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem Abendschoeppchen unterzukommen, sagte Estherchen: "Mir ist es nun zumute, als ob der Pankraz ganz gewiss heute noch kommen wuerde, da schon so viele unerwartete Dinge geschehen und solche Kamele, Affen und Baeren dagewesen sind!" Die Mutter ward boese darueber, dass sie den armen Pankraz mit diesen Bestien sozusagen zusammenzaehlte und auslachte, und hiess sie schweigen, nicht innewerdend, dass sie ja selbst das gleiche getan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend: "Ich werde es nicht erleben, dass er wiederkommt!" Indem sie dies sagte, begab sich die groesste Merkwuerdigkeit dieses Tages und ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillion fuhr mit Macht auf das stille Plaetzchen, das von der Abendsonne noch halb bestreift war. In dem Wagen sass ein Mann, der eine Muetze trug wie die franzoesischen Offiziere sie tragen, und ebenso trug er einen Schnurr- und Kinnbart und ein gaenzlich gebraeuntes und ausgedoerrtes Gesicht zur Schau, das ueberdies einige Spuren von Kugeln und Saebelhieben zeigte. Auch war er in einen Burnus gehuellt, alles dies, wie es franzoesische Militaers aus Afrika mitzubringen pflegen, und die Fuesse stemmte er gegen eine kolossale Loewenhaut, welche auf dem Boden des Wagens lag; auf dem Ruecksitze vor ihm lag ein Saebel und eine halblange arabische Pfeife neben anderen fremdartigen Gegenstaenden. Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte, die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein Haus, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe taumelnd, sprang er aus dem Wagen, der von ungefaehr auf der Mitte des Plaetzchens stillhielt; doch ergriff er die Loewenhaut und seinen Saebel und ging sogleich sicheren Schrittes in das Haeuschen der Witwe, als ob er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen waere. Die Mutter und Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horchten auf, ob der Fremde die Treppe heraufkaeme; denn obgleich sie kaum noch von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem Augenblick keine Ahnung, dass er es sein koennte, und ihre Gedanken waren von der ueberraschten Neugierde himmelweit von ihm weggefuehrt. Doch urploetzlich erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten Stufen uebersprang und ueber den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die Klinke der Stubentuer ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den lose steckenden Stubenschluessel fester ins Schloss gestossen, was sonst immer die Art des Verschwundenen gewesen, der in seinem Muessiggange eine seltsame Ordnungsliebe bewaehrt hatte. Sie schrien laut auf und standen festgebannt vor ihren Stuehlen, mit offenem Munde nach der aufgehenden Tuere sehend. Unter dieser stand der fremde Pankrazius mit dem duerren und harten Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte es ihm seltsam um die Augen, indessen die Mutter erzitterte bei seinem Anblick und sich nicht zu helfen wusste und selbst Estherchen zum erstenmal gaenzlich verbluefft war und sich nicht zu regen wagte. Doch alles dies dauerte nur einen Augenblick; der Herr Oberst, denn nichts Geringeres war der verlorene Sohn, nahm mit der Hoeflichkeit und Achtung, welche ihn die wilde Not des Lebens gelehrt, sogleich die Muetze ab, was er nie getan, wenn er frueher in die Stube getreten; eine unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens wie es den Frauen vorkam, die ihn nie freundlich gesehen noch also denken konnten, verbreitete sich ueber das gefurchte und doch noch nicht alte Soldatengesicht und liess schneeweisse Zaehne sehen, als er auf sie zueilte und beide mit ausbrechendem Herzensweh in die Arme schloss. Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer noch boesen Sohne sonderbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst recht in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses wiedergekehrten Sohnes fuehlte, dessen achtungsvolles Muetzenabnehmen und dessen aufleuchtende nie gesehene Anmut, wie sie nur die Ruehrung und die Reue gibt, sie schon wie mit einem Zauberschlage beruehrt hatten. Denn noch ehe das Buerschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte Pankraz in bitterer Sproedigkeit und Verstockung sich gehuetet, seine Mutter auch nur mit der Hand zu beruehren, abgesehen davon, dass er unzaehlige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu sagen. Daher beduenkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl dreissig Jahren sozusagen zum erstenmal sich von dem Sohne umfangen sah. Aber auch Estherchen beduenkte dieses veraenderte Wesen so ernsthaft und wichtig, dass sie, die den Schmollenden tausendmal ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen anzulachen vermochte, sondern mit klaren Traenen in den Augen nach ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte. Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder zusammennahm und als ein guter Soldat einen Uebergang und Ausweg dadurch bewerkstelligte, dass er sein Gepaeck heraufbefoerderte. Die Mutter wollte mit Estherchen helfen; aber er fuehrte sie aeusserst holdselig zu ihrem Sitze zurueck und duldete nur, dass Estherchen zum Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den weiteren Verlauf fuehrte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren guten Humor wiedergewann und nicht laenger unterlassen konnte, die Loewenhaut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem Boden herumzuziehen, indem sie sich kranklachen wollte und einmal ueber das andere rief: "Was ist dies nur fuer ein Pelz? Was ist dies fuer ein Ungeheuer?" "Dies ist," sagte Pankraz, seinen Fuss auf das Fell stossend, "vor drei Monaten noch ein lebendiger Loewe gewesen, den ich getoetet habe. Dieser Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwoelf Stunden lang so eindringlich gepredigt, dass ich armer Kerl endlich von allem Schmollen und Boessein fuer immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schoene Geschichte!" setzte er mit einem Seufzer hinzu. In der Voraussicht, dass seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig antraefe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause haetten, hatte er in der letzten groesseren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen, damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf, einige gebratene Huehner, eine herrliche Suelzpastete und ein Paket feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht, wie dunkel einst das armselige Tranlaempchen gebrannt und wie oft er sich ueber die kuemmerliche Beleuchtung geaergert, wobei er kaum seine muessigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutter, die doch aeltere Augen hatte, ihm immer das Laempchen vor die Nase geschoben, wiederum zum grossen Ergoetzen Estherchens, die bei jeder Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach, einmal hatte er sie zornig weinend ausgeloescht, und als die Mutter sie bekuemmert wieder angezuendet, blies sie Estherchen lachend wieder aus, worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wiedersehen wuerde, hatte er auch noch einige Wachskerzen eingekauft, und zuendete jetzo zwei derselben an, so dass die Frauensleute sich nicht zu lassen wussten vor Verwunderung ob all der Herrlichkeit. Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Haeuschen der Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwester zu sehen, und dies Sehen ruehrte ihn staerker, als alle Gefahren, denen er ins Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen ueber die menschliche Art und das menschliche Leben, und wie gerade unsere kleineren Eigenschaften, eine freundliche oder herbe Gemuetsart, nicht nur unser Schicksal und Glueck machen, sondern auch dasjenige der uns Umgebenden und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhaeltnis zu bringen vermoegen, ohne dass wir wissen wie es zugegangen, da wir uns ja unser Gemuet nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er jedoch gestoert durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht laenger unterdruecken konnten und einer nach dem andern in die Stube drangen, um das Wundertier zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt das Geruecht verbreitet hatte, der verschollene Pankrazius sei erschienen, und zwar als ein franzoesischer General in einem vierspaennigen Wagen. Dies war nun ein hoechst verwickelter Fall fuer die in ihren Vergnuegungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl fuer die Jungen als wie fuer die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren. Denn dies war gaenzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu Seldwyl, dass da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die uebrige Zeit seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt wuerde? Und wie hatte er es angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemueter bewegte, und sie fanden durchaus keinen Schluessel, das Raetsel zu loesen, weil ihre Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, dass gerade die herbe und bittere Gemuetsart, welche ihm und seinen Angehoerigen so bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im uebrigen wohl konserviert, wie der scharfe Essig ein Stueck Schoepfenfleisch, und ihm ueber das gefaehrliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen hatte. Um die Frage zu loesen, stellte man ueberhaupt die Wahrheit des Ereignisses in Frage und bestritt dessen Moeglichkeit, und um diese Auffassung zu bestaetigen, wurden verschiedene alte Falliten nach dem Plaetzchen abgesandt, so dass Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande angehoerten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und gemuetlicher Falliten umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt von den herbeieilenden Schatten. Er zuendete nun seine tuerkische Pfeife an und erfuellte das Zimmer mit dem fremden Wohlgeruch des morgenlaendischen Tabaks; die Schatten oder Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher, und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhoerlich die Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entliess, als es ihm Zeit dazu schien. Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglueck und auf frohen Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den laengsten Leiden die Beteiligten ploetzlich immer jung und munter machen, statt sie zu erschoepfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es tun, so verspuerte die alte Mutter noch nicht die geringste Muedigkeit und Schlaflust, so wenig als ihre Kinder, und von dem guten Weine erwaermt, den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich mit ihrer noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Naeheres von Pankrazens Schicksal zu wissen. "Ausfuehrlich," erwiderte dieser, "kann ich jetzt meine truebselige Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde. Fuer heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, soviel als noetig ist, um auf den Schluss zu kommen, naemlich auf meine Wiederkehr und die Art, wie diese veranlasst wurde, da sie eigentlich das rechte Seitenstueck bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem gleichen Grundtone geht. Als ich damals auf so schnoede Weise entwich, war ich von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfuellt; doch nicht gegen euch, sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnuetze Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich geworden. Wenn ich hauptsaechlich immer des Essens wegen boes wurde und schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefuehl, dass ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat, ja weil mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschaeftigung und also keine Hoffnung war, dass es je anders wuerde; denn alles was ich andere tun sah, kam mir erbaermlich und albern vor; selbst euer ewiges Spinnen war mir unertraeglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Muessigen erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten Herzensqual und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer grossen Wiese Heu machten; ohne ein Wort zu sagen oder zu fragen, legte ich mein Buendel an den Rand, ergriff einen Rechen oder eine Heugabel und arbeitete wie ein Besessener mit den Leuten und mit der groessten Geschicklichkeit; denn ich hatte mir waehrend meines Herumlungerns hier alle Handgriffe und Uebungen derjenigen, welche arbeiteten, wohlgemerkt, sogar oefter dabei gedacht, wie sie dies und jenes ungeschickt in die Hand naehmen und wie man eigentlich die Haende ganz anders muesste fliegen lassen, wenn man erst einmal ein Arbeiter heissen wolle. "Die Leute sahen mir erstaunt zu und niemand hinderte mich an meiner Arbeit; als sie das Morgenbrot assen, wurde ich dazu eingeladen; dieses hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen kam, welches ich ebenfalls mit grossem Appetit verzehrte. Doch nun erstaunten die Bauersleute noch viel mehr und sandten mir ein verdutztes Gelaechter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu ergreifen, ploetzlich den Mund wischte, mein Buendelchen wieder ergriff und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In einem dichten kuehlen Buchenwaeldchen legte ich mich hin und schlief bis zur Abenddaemmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem Waeldchen hervor und guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten begannen. Die Stellung der Sterne gehoerte auch zu den wenigen Dingen, die ich waehrend meines Muessigganges gemerkt, und da ich darin eine grosse Ordnung und Puenktlichkeit gefunden, so hatte sie mir immer wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese glaenzenden Geschoepfe solche Puenktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Portion Kartoffelsuppe zu ueben schienen, sondern damit nur taten, was sie nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnuegen, und dabei wohl bestanden. Da ich nun durch das allmaehliche Auswendiglernen unsres Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden Bescheid wusste, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen und beschloss in diesem Augenblick, nordwaerts durch ganz Deutschland zu laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgensonne an eine wilde und entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornsaecken beladenes Schiff an einer Untiefe aufstiess, indessen doch das Wasser ueber einen Teil der Ladung wegstroemte. Da sich nur drei Maenner bei dem Schiffe befanden und weit und breit in dieser Fruehe und in dieser Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich sogleich Hand anlegte und den Schiffern die schwere Ladung ans Ufer bringen und das Fahrzeug wieder flottmachen half. Was von dem Korne nassgeworden, schuetteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten, und wandten es fleissig um, und zuletzt beluden wir das Schiff wieder. Doch nahm dies alles den groessten Teil des Tages weg, und ich fand dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tuechtige Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar noch etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer ueber mittelst des kleinen Kaehnchens, das sie hinter dem grossen Kahne angebunden hatten. "Drueben befand ich mich in einem grossen Bergwald und schlief sofort bis es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Fuesse machte und bis zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese naemliche Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, ueberall des Tages zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davonging, sobald ich gesaettigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art ueberraschte die Leute immer, so dass ich niemals einen Widerspruch fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten, war ich schon wieder weg. Da ich zugleich die Staedte vermied und meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Waeldern betrieb, wo nur urspruengliche und einfache Menschen waren, so reisete ich wirklich wie zu der Zeit der Patriarchen. Ich sah nie eine Spur von dem Regiment der Staaten, ueber deren Boden ich hinlief, und mein einziges Denken war, ueber eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu betteln oder fuer meine noetige Leibesnahrung jemandem verpflichtet sein zu muessen, im uebrigen aber zu tun, was ich wollte, und insbesondere zu ruhen, wenn es mir gefiel, und zu wandern, wenn es mir beliebte. Spaeter habe ich freilich auch gelernt, mich an eine feste ausser mir liegende Ordnung und an eine regelmaessige Ausdauer zu halten, und wie ich erst urploetzlich arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich ohne weitere Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche Notwendigkeit einsah. "Uebrigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten Abwechslung von schwerer Arbeit, tuechtigem Essen und sorgloser Ruhe vortrefflich und meine Glieder wurden so geuebt, dass ich als ein kraeftiger und ruehriger Kerl in der grossen Handelsstadt Hamburg anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe beschaeftigt waren. Da ich ueberall zugriff und ohne albernes Gaffen doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund zu verziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich auf einem englischen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitaen mich aufnahm unter der Bedingung, dass ich ihm in seinem Privatgeschaefte helfe, das er waehrend seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand naemlich im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und Pistolen aus alten abgenutzten Bestandteilen, die er in grosser Menge zusammenkaufte, wenn er in der Alten Welt vor Anker ging. Es waren seltsame und fabelhafte Todeswerkzeuge, die er so mit schrecklicher Leidenschaft zusammenfuegte und dann bei Gelegenheit an wilden Kuesten gegen wertvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstaende austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, uebte mich ein und war bald ueber und ueber mit Oel, Schmirgel und Feilenstaub beschmiert als ein wilder Buechsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschuetz notduerftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall probiert; doch nie zum zweitenmal, dieses wurde dem rothaeutigen oder schwarzen Kaeufer ueberlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal fuhr er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurueck, wo ich, der Buechsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und sogleich in ein Regiment anwerben liess, das nach Ostindien abgehen sollte. "In Neuyork hatte ich zwar den Fuss an das Land gesetzt und auf einige Stunden dies amerikanische Leben gesehen, welches mir eigentlich nun recht haette zusagen muessen, da hier jeder tat, was er wollte, und sich gaenzlich nach Beduerfnis und Laune ruehrte von einer Beschaeftigung zur andern abspringend, wie es ihm eben besser schien, ohne sich irgendeiner Arbeit zu schaemen, oder die eine fuer edler zu halten als die andere. Doch weiss ich nicht wie es kam, dass ich mich schleunig wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der Neuen Welt zu bleiben, in den aeltesten, traeumerischen Teil unsrer Welt geriet, in das uralte heisse Indien, und zwar in einem roten Rocke, als ein stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, dass mir das neue Leben missfiel, das schon auf dem grossen Linienschiffe begann, auf welchem das Regiment sich befand. Schon der Umstand, dass wir alle, so viel wir waren, mit der groessten Puenktlichkeit und Abgemessenheit ernaehrt wurden, indem jeder seine Ration so sicher bekam, wie die Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder als der andere, und ohne dass einer den andern beeintraechtigen konnte, behagte mir ausserordentlich und um so mehr, als keiner dafuer zu danken brauchte und alles nur unserm blossen wohlgeordneten Dasein gebuehrte. Wenn wir Rekruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult wurden und taeglich exerzieren mussten, so gefiel mir doch diese Beschaeftigung ueber die Massen, da wir nicht das Bajonett herumschwenken mussten, um etwa mit Gewandtheit eine Kartoffel daran zu spiessen, sondern es war lediglich eine reine Uebung, welche mit dem Essen zunaechst gar nicht zusammenhing, und man brauchte nichts als puenktlich und aufmerksam beim einen und dem andern zu sein und sich um weiter nichts zu kuemmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt sah ich einen Soldaten pruegeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon verschiedene Unregelmaessigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor, dass dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmollwesen sehr gut zustatten, indem es mir eine vortreffliche lautlose Puenktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwaehrend moeglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben. "So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als mustergueltig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fuehlte ich mich endlich ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging etwa einen naerrischen halben Spass, was mir vollends den Anstrich eines Soldaten gab, wie er sein soll, und zugleich verhinderte, dass man mich nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heissen, seltsamen Lande, als ich anfing, vorzuruecken und zuletzt ein ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war ich ein grosses Tier in meiner Art, war meistenteils in den Bureaus des Regimentskommandeurs beschaeftigt und hatte mich als ein guter Verwalter herausgestellt, indem ich die notwendigen Kuenste, die Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrieden zu sein, da ich ohne Muehe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von selbst, und ich fuehlte keinen Unterschied, ob ich in Geschaeften oder muessig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und ich beachtete kaum, wann und was ich ass. Zweimal waehrend dieser Zeit hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten Geldmitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarerweise mit Mann und Maus zugrunde und ich gab die Sache auf, aergerlich darueber, und nahm mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene Arbeitsfaehigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn ich eine Million dahin braechte, und malte mir schon aus, wie ich die Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir ueber den Weg liefen. "Doch damit hatte es noch gute Wege und ich sollte erst noch solche Dinge erfahren und so in meinem Wesen veraendert und aufgeruettelt werden, dass mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen. Der Kommandeur hatte mich gaenzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich musste fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamen Mann von etwa fuenfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten Turm, da sie womoeglich noch wunderlicher sein musste, als er; solange sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwaehrend angeknurrt, wie zwei wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, dass sie sich gegenseitig ineinander getaeuscht haetten, obwohl niemand besser fuereinander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter und lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr haette die Zeit verbringen koennen, und wenn sie weit auseinander waren, so sorgte eines fuer das andere mit ruehrender Aufmerksamkeit. Die einzige Tochter, die sie hatten, und die Lydia heisst, lebte dagegen meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da der Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese mehr zaertliches Mitleid fuer den Vater empfinden liess, als fuer die Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen mochte als jener in dem vermeintlich ungluecklichen Verhaeltnis. Der Kommandeur hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die ausserhalb der Stadt in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren und anderen Baeumen angefuellten Tale lag. Unter diesen Baeumen, rings um das leichte weisse Haus herum, waren Gaerten angelegt, in denen teils jederzeit frisches Gemuese, teils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben in naechster Naehe und in moeglichster Menge, so dass in dem gruenen Schatten der Baeume es ordentlich leuchtete von grossen purpurroten und weissen Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu tun gab, so musste ich als ein militaerischer zuverlaessiger Vertrauensmann diese Gaerten in Ordnung halten, oder um darueber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem Oberst auf die Jagd gehen, und ich wuerde darueber zu einem gewandten Jaeger; denn gleich hinter dem Tale begann eine wilde, unfruchtbare Landschaft, welche zuletzt gaenzlich in eine Gebirgswildnis verlief, die nicht nur Schwaerme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern auch von Zeit zu Zeit reissende Tiere, besonders grosse Tiger beherbergte. Wenn ein solcher sich spueren liess, so gab es einen grossen Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter gar nichts zu tun, so musste ich mit dem alten Herrn Schach spielen und dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn und Geschick dazu besass und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig Vergnuegen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald soweit eingeuebt, dass ich ihm einigermassen die Stange halten konnte, ohne ihn des oefteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere Dinge verwirrt worden waere, so wuerde ich dem grimmigen Alten bald ueberlegen geworden sein. "Dergestalt war ich nun das merkwuerdigste Institut von der Welt; ich ging unter diesen Palmen einher gravitaetisch und wortlos in meiner Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstoeckchen in der Hand und ueber dem Kopfe ein weisses Tuch zum Schutze gegen die heisse Sonne. Ich war Soldat, Verwaltungsmann, Gaertner, Jaeger, Hausfreund und Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewoehnt, dass meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein Kommandowort oder einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fuenf Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit hatte, im uebrigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu, das Dutzend Buecher, so der alte Herr besass, immer wieder durchzulesen und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein sonderbares Stueck von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein eifriger und stiller Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht wusste, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie ich bald erfahren sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war dies doch nur gewissermassen strichweise und das meiste, was es gab, lag zur Seite des Striches, den ich passiert. "Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Landstriches ernannt, wo wir bisher gestanden; er wuenschte mich in seiner Naehe zu behalten und veranlasste meine Versetzung aus dem Regiment, welches wieder nach England zurueckging, in dasjenige, welches dafuer ankam, und so fand sich wieder Gelegenheit, dass ich als Militaerperson sowohl wie in allen uebrigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der keinen andern Herrn, als seine Fahne ueber sich hatte. "Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irlaendischen Turme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von grosser Schoenheit; doch war sie nicht nur eine Schoenheit, sondern auch eine Person, die in ihren eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck machte, dass es fuer den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost fuer diese gaebe, eben weil es eine ganze und selbstaendige Person schien, die so nicht zum zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbstaendigkeit gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Guete des Charakters und mit jener Lauterkeit und Rueckhaltlosigkeit in dieser Guete, welche, wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine wahre Ueberlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein unbefangenes urspruengliches Gemuetswesen ist, den Schein einer weihevollen und genialen Ueberlegenheit gibt. Indessen war sie sehr gebildet in allen schoenen Dingen, da sie nach Art solcher Geschoepfe die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen, was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren Sprachen, ohne dass man jedoch viel davon bemerkte, so dass unwissende Maenner ihr gegenueber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit gerieten, weniger zu verstehen, als ein muessiges Ziergewaechs von Jungfraeulein. Ueberhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, dass sie die vorkommenden kleineren oder groesseren Dinge, Vorfaelle oder Gegenstaende durchaus treffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und Worte so einfach und lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme und die Bewegungen ihres Koerpers. Und ueber alles dies war sie, wie gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, dass sie nicht imstande war, eine ueberlegte Partie Schach spielenzulernen, und dennoch mit der froehlichsten Geduld am Brette sass, um sich von ihrem Vater unaufhoerlich ueberrumpeln zu lassen. So ward es einem sogleich heimatlich und wohl zumute in ihrer Naehe; man dachte unverweilt, diese waere der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gaebe es in der Welt. Ihre schoenen blonden Locken und die dunkelblauen Augen, die fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich auch das ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schoenheit, so sehr sie auffiel, von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit durchdrungen war und dabei gaenzlich den Eindruck von etwas Einzigem und Persoenlichem machte; es war eben kurz und abermals gesagt: eine Person. Das heisst, ich sage es schien so, oder eigentlich, weiss Gott, ob es am Ende doch so war und es nur an mir lag, dass es ein solcher truegerischer Schein schien, kurz--" Pankrazius vergass hier weiterzureden und verfiel in ein schwermuetiges Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und beinahe einfaeltiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren ueber die Haelfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Koepfe gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend und hoerend, schlaftrunken mit ihren Koepfen, denn schon seit Pankrazius die Schilderung seiner vermutlichen Geliebten begonnen, hatten sie angefangen, schlaefrig zu werden, liessen ihn jetzt gaenzlich im Stich und schliefen wirklich ein. Zum Glueck fuer unsere Neugierde bemerkte der Oberst dies nicht, hatte ueberhaupt vergessen, vor wem er erzaehlte, und fuhr, ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben, fort, vor den schlafenden Frauen zu erzaehlen, wie einer, der etwas lange Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten kann. "Ich hatte," sagte er, "bis zu dieser Zeit noch kein Weib naeher angesehen und verstand oder wusste von ihnen ungefaehr soviel, wie ein Nashorn vom Zitherspiel. Nicht dass ich solche etwa nicht von jeher gern gesehen haette, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Muehe nach ihnen schielen konnte; doch war es mir aeusserst zuwider, mit irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir von jeher schien, als ob es saemtlichen Weibern gar nicht um eine vernunftgemaesse, klare und richtige Sache zu tun waere, dass es ihnen unmoeglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu bleiben, sondern dass sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem Augenblicke etwas Zweckmaessiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf eine grosse Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als ihre weibliche Anmut und Beweglichkeit ausgaeben, im Grunde aber eine Unredlichkeit sei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von bewusster Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen schlechten Instinkten und Querkoepfigkeiten desto bequemer zu froenen. Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk und wuerdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich mehr zufrieden war und keinen Groll fuerder hegte, gab es zwar viel Frauensleute, sowohl indischen Gebluetes, als auch eine Menge englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schoen waren wie die Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts weiter als dies und ruehrten mich nicht im mindesten, da Schoenheit und Guete ohne Salz und Wehrbarkeit, mir langweilig vorkamen, und es war mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein waere, sich auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren vermoechte. Die europaeischen Weiber dagegen, die ich sah, welche groesstenteils aus Grossbritannien herstammten, schienen schon eher wehrhaft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es waren, so betrieben sie die Guete und Ehrbarkeit wie ein abscheulich nuechternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewussten respektablen Weibsen so viel zugute taten, handhabten sie eher als Wuerzkraemer, denn als Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen sorglich in die loeschpapierne Duete der Philisterhaftigkeit gewickelt. Ueberdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller dieser abendlaendischen Schoenen und Unschoenen ein tiefer Zug von Gemeinheit zoege, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von unserem Geschlechte, von uns Herren Europaeern, ueberkommen konnten, aber die gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten UEbel wird. Denn es sind ueble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten austauschen und eines dem andern seine angeborenen Schwachheiten mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken ueber die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekuemmern. "Als nun die schoene Lydia bei uns anlangte und ich mich taeglich in ihrer Naehe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen Stoss und fiel zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zumute, wenn sie zugegen war, und ich wusste nicht, was ich hieraus machen sollte. Hoechlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese zu empfinden, weder Geringschaetzung, noch jene Lust, doch verstohlen nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen ueber ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an, wenn ich in ihrer Naehe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu beobachten hatte, als dasjenige eines sich aufrechthaltenden ernsthaften Unteroffiziers. Auch war mir das Schweigen, besonders gegenueber den Weibern, so zur andern Natur geworden durch das langjaehrige Kopfhaengen, dass ich beim besten Willen jetzt nicht haette eine Ausnahme machen koennen, auch wenn es sich geschickt haette. Dennoch fuehlte ich ein grosses und ungewoehnliches Wohlwollen fuer diese Person, war in meinem Herzen sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu Gefallen veraenderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und dachte mir, es muesste doch nicht so uebel mit ihnen stehen, wenigstens sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich Veranlassung fand, mich dahin zu verfuegen, wo sie eben war; doch tat ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natuerlichen Gange der Dinge lag; nicht einmal blickte oder ging ich, wenn ich mich im gleichen Raume mit ihr befand, ohne einen bestimmten vernuenftigen Grund nach ihr hin und fuehlte ueberhaupt eine solche Ruhe in mir, wie das kuehle Meerwasser, wenn kein Wind sich regt und die Sonne obenhin daraufscheint. "Dies verhielt sich so ungefaehr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch etwas darueber, ich weiss es nicht mehr genau; denn die ganze Zeitrechnung von damals ist mir verlorengegangen, der ganze Zeitraum schwebt mir nur noch wie ein schwueler von Traeumen durchzogener Sommertag vor. Waehrend dieses Anfanges nun, dessen laengere oder kuerzere Dauer ich nicht mehr weiss, ging so alles gut und ruhig vonstatten. Die Dame, obgleich sie mich oefters sehen musste, hatte nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie es aber tat, so war sie ausserordentlich freundlich und tat es nie, ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schoenen Gesichtes, was ich dann dankbarst damit erwiderte, dass ich ein um so ehrbareres Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl, mein Fraeulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte, was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein, so dachte ich wohl vielfaeltig an sie, aber nicht im mindesten wie ein Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher aufrichtig um sie bekuemmert war, ihr alles Wohlergehen wuenschte und allerlei gute Dinge fuer sie ausdachte. Kaum ging eine leise Veraenderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, dass ich gegenueber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt, und in meinen uebrigen Dienstleistungen mehr den Schein der Unabhaengigkeit wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhaeltnis zu ihm stand und, nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Bureau getan, wofuer ich besoldet war, alles uebrige als ein guter Vertrauter mitmachte und nur, da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit ihm ass und trank. Und so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte. "Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Baeumen mir zu tun machte, dass die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal herkam, ohne dass sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das erstemal setzte sie sich auf einen umgestuerzten Korb und ass ein kleines Koerbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwaehrend mit mir plauderte und mich zum Reden veranlasste. Das andere Mal kam sie und rueckte den Korb ganz nahe an das Rosenbaeumchen, das ich eben saeuberte, setzte sich abermals darauf und naehte ein weisses seidenes Band auf ein zierliches Nachthaeubchen oder was es war; denn genau konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas verlegen wurde. Sie ging bald wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung daraufsetzte, mir den Ruecken zuwendend, und ganz still das Spiel zu loesen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie, das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen seltsamen wohllautenden Triller singend davonging, ohne sich wieder nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch einleuchten, und meine Seele ruempfte leise die Nase zu diesem Tun; aber von Stund an war ich verliebt in Lydia. "In der wunderbarsten gelinden Aufregung liess ich mein Baeumchen stehen, holte die Doppelbuechse und streifte in den Abend hinaus weit in die Wildnis. Viele Tiere sah ich wohl, aber alle vergass ich zu schiessen; denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen. "Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heissen? Indem ich aber hierueber hin und her sann, entstand und lohete schon eine grosse Dankbarkeit in mir fuer alles moegliche und unmoegliche, was irgend in dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das Bewusstsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den widerwaertigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde, verfielen meine Gedanken ploetzlich auf den Ausweg, dass diese scheinbar so schoene und tuechtige Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache, mit wem es sei, und selbst mit einem armen Unteroffizier eine schlechte Geschichte anzuheben nicht verschmaehe. Diese verwuenschte Ansicht tat mir so weh und traf mich so unvermutet, dass ich wutentbrannt einen ungeheuren rauhen Eber niederschoss, der eben durch die hohen Bergkraeuter heranbrach, und meine Kugel sass fast gleichzeitig und ebenso unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener niedertraechtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zumute, als ob das wilde Tier noch zu beneiden waere um seine Errungenschaft im Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die tote Bestie; vor meinen Gedanken ging die schoene Gestalt vorueber und ich sah sie deutlich, wie sie die drei Male gekommen war, mit jeder ihrer Bewegungen, und jedes Wort toente noch nach. Aber merkwuerdigerweise ging dies gute Gedaechtnis noch ueber diesen Tag hinaus und zurueck ueberhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gesehen, den ganzen Zeitraum hindurch, wo ich doch gaenzlich ruhig gewesen. Wie man bei ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben will, an entfernten Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man sonst nicht wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hoert, so entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, dass aus jenem ganzen Zeitraume jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich ohne mein Wissen mir eingepraegt hatte, und fast jedes ihrer Worte, selbst das gleichgueltigste und voruebergehendste, hoerte ich mit klar vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildnis wieder toenen. Diese saemtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend oder heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte nur den Riegel davor weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh geworfen. Ich vergass ueber diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn und beschaeftigte mich rueckhaltlos mit der Ausbeutung meines guten Gedaechtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und ueberliess mich allein diesen angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Naehe zu sein, und da ich nichts anderes anzufangen wusste noch gesonnen war, so vermied ich moeglichst jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So vergingen drei oder vier Wochen, ohne dass etwas weiteres vorfiel, als dass ich bemerkte, dass sie bei aller Zurueckhaltung, die sie nun beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versaeumte, irgend etwas zu meinen Gunsten zu tun oder zu sagen, und sie fing an, mir voellig nach dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdruecke brauchte, welche ich etwa gebraucht, und die Dinge so beurteilte, wie ich es zu tun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich eben von jeher angenehm duenkte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom Zweckmaessigen oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber befleissigte; auch lachte sie ueber dieselben Dinge, ueber welche ich lachen musste, oder aergerte sich ueber die naemlichen Unschicklichkeiten, so etwa vorfielen. Aber zuletzt ward es so auffaellig, dass sie mir, da ich kaum ein Wort mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben suchte, und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein einfaches argloses Kind, dass ich in die groesste Verwirrung geriet und vollends nicht mehr wusste, wie ich mich stellen sollte. So fand ich denn, um mich zu salvieren, unverfaenglich mein Heil in meiner alten wohlhergestellten Schmollkunst und verhaertete mich vollkommen in derselben, zumal ich mich nichts weniger als gluecklich fuehlte in diesem sonderbaren Verhaeltnis. Nun schien sie wahrhaft bekuemmert und niedergeschlagen, kleinlaut und schuechtern zu werden, was zu ihrem sonstigen resoluten und tuechtigen Wesen eine verfuehrerische Wirkung hervorbrachte, da man an den gewoehnlichen Weibern und, je kleinlicher sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schuechterne Bescheidenheit glaenzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie, nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit und Unverschaemtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in einer mir unverstaendlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: 'Wahrhaftig, Lydia, du bist verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich hielt das fuer einen sehr schlechten Spass, in betreff auf seine Tochter fuer geschmacklos und vom ordinaersten Tone, in bezug auf mich aber fuer gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen und mich den Teufel um ihn weiter zu kuemmern. Letzteres tat ich auch insofern, als ich mich nun gaenzlich zusammennahm und in mich selber verschloss. Lydia wurde eintoenig, ja sie schien nun sogar bleich und leidend zu werden, was mich tief bekuemmerte, ohne dass ich daraus etwas Kluges zu machen wusste. Als sie aber trotz meines Verhaltens wieder anfing, mir nachzugehen und sich fortwaehrend zu schaffen machte, wo ich mich aufhielt, geriet ich in Verzweiflung und in der Verzweiflung begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikuliertes jaemmerliches Zeug, als ob wir beide bloedsinnig waeren; allein beide schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie Kinder; denn auch ich vergass darueber alles andere und war endlich froh, nur diese kurzen Reden mit ihr zu fuehren. Allein das Glueck dauerte nie laenger als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an Ruhe und Besonnenheit sogleich wieder verloren und dann zwei Kindern glichen, die ein Perlenband aufgezettelt haben und mit Betruebnis die schoenen Perlen entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang, bis eine dieser grossen Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war, mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen etwas ungewoehnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und davonzugehen, allein die Zeit verging mir so eilig, dass ich die Tat immer wieder hinausschieben musste. Denn meine Gedanken waren jetzt ausschliesslich mit dieser Sache beschaeftigt und es ging mir dabei aeusserst seltsam. "Mit den Buechern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig geworden und wusste nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah auch ganz geistlich aus, denn er war in schwarzes Leder gebunden und vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komoedien darin mit der kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch vorne drin zu sehen war. Dieser verfuehrerische falsche Prophet fuehrte mich schoen in die Patsche. Er schildert naemlich die Welt nach allen Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollstaendig und charakteristisch betreiben und dabei durchsichtig wie Kristall, jeder vom reinsten Wasser in seiner Art, so dass, wenn schlechte Skribenten die Welt der Mittelmaessigkeit und farblosen Halbheit beherrschen und malen und dadurch Schwachkoepfe in die Irre fuehren und mit tausend unbedeutenden Taeuschungen anfuellen, dieser hingegen eben die Welt des Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es sein soll, beherrscht, und dadurch gute Koepfe in die Irre fuehrt, wenn sie in der Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach es ist schon in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene schlimme Weiber genug, aber ohne den schoenen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, sind nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe ueberstanden. Es gibt noch Leute genug, die waehnen Hamlet zu sein, und sie ruehmen sich dessen, ohne eine Ahnung zu haben von den grossen Herzensgruenden eines wahren Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne Macbeths daemonische und doch wieder so menschliche Mannhaftigkeit, und dort ein Richard der Dritte, ohne dessen Witz und Beredsamkeit. Hier ist eine Porzia, die nicht schoen, dort eine, die nicht geistreich, dort wieder eine, die geistreich, aber nicht klug ist und wohl versteht, Leute ungluecklich zu machen, nicht aber sich selbst zu begluecken. Unsere Shylocks moechten uns wohl das Fleisch ausschneiden, aber sie werden nun und nimmer eine Barauslage zu diesem Behuf wagen, und unsere Kaufleute von Venedig geraten nicht wegen eines lustigen Habenichts von Freund in Gefahr, sondern wegen einfaeltigen Aktienschwindels und halten dann nicht im mindesten so schoene melancholische Reden, sondern machen ein ganz dummes Gesicht dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle solche Leute wohl in der Welt, aber nicht so huebsch beisammen, wie in jenen Gedichten; nie trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen wehrbaren Mann, nie ein vollstaendiger Narr auf einen unbedingt klugen Froehlichen, so dass es zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner guten Komoedie kommen kann. "Ich aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz in demselben, da es mir gar so gruendlich und sachgemaess geschrieben schien und mir ausserdem eine solche Arbeit ebenso neu als verdienstlich vorkam. Weil nun alles uebrige so trefflich, wahr und ganz erschien und ich es fuer die eigentliche und richtige Welt hielt, so verliess ich mich insbesondere auch bei den Weibern, die es vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schoenen Sterne Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei die Loesung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden. "Gut! dachte ich, wenn ich diese schoenen Bilder der Desdemona, der Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen Selbstherrlichkeit ihres Frauentums heraus so seltsamen Kaeuzen nachgingen und anhingen, rueckhaltlos wie unschuldige Kinder, edel, stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des Himmels: gut! hier haben wir unsern Fall! Denn nichts anderes als ein solches festes, schoengebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine unergruendliche Tiefe auswirft und wohl weiss, was sie will. Diese Meinung ging gleich einer strahlenden heissen Sonne in mir auf und in deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung, jedes Wort des schoenen Geschoepfes, und es dauerte nicht lange, so ueberbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner maechtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im Lichte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirklichen Herzschlaegen und einem tatsaechlichen Nacken voll goldener Locken. "Das unheimliche Raetsel war nun geloest und ich hatte nichts weiter zu tun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette zusammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Muehe meine geringfuegige und unliebliche Person fuer eine solche Laune des Schicksals oder des koeniglich grossmuetigen Frauengemuetes einigermassen leidlich zurechtzustutzen mittelst hundertfacher Plaene und Aussichten, welche sich an das grosse schoene Luftschloss anbaueten. Die unendliche Dankbarkeit und Verehrung, welche ich solchergestalt gegen die Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Teil ihren Grund in meiner sich geschmeichelt fuehlenden Eigenliebe; aber gewiss auch zum noch groesseren Teile darin, dass diese Erklaerungsweise die einzige war, welche mir moeglich schien, ohne dies teuerste Wesen verachten und bemitleiden zu muessen; denn eine hohe Achtung, die ich fuer sie empfand, war mir zum Lebensbeduerfnis geworden und mein Herz zitterte vor ihr, das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Tiere gezittert hatte. "So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von Traeumen so vollhaengend, wie ein Baum voll Aepfel, alles, ohne mit Lydia um einen Schritt weiterzukommen. Ich fuerchtete mich vor dem kleinsten moeglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit einzugehen gewiss ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu und die Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs schoenste und unzweifelhafteste sich begebend, draengten und bluehten da durcheinander. Ich versaeumte meine Geschaefte und war zu nichts zu gebrauchen. Das Aergste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten Schach spielen musste, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit an das Spiel zu fesseln, und die einzige Musse fuer meine schweren Liebesgedanken gewaehrte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich liess mich daher sobald als immer moeglich, ohne dass es zu sehr auffiel, matt machen und hielt mich so lange mit dem Aufstellen des Koenigs und der Koenigin, der Laeufer, Springer und Bauern auf und rueckte so lange an den Tuermen hin und her, dass der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch geworden und taendle mit den Figuerchen zu meinem Vergnuegen. "Endlich aber drohete meine ganze Existenz sich in muessige Traumseligkeit aufzuloesen, und ich lief Gefahr, ein Tollhaeusler zu werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschloesser unsaeglich kleinmuetig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen ist, die solchen wuchernden Traeumen gegenueber immer zurueckstehende Wirklichkeit niederdrueckt und die leibhafte Gegenwart etwas Abkuehlendes und Abwehrendes behaelt. Es ist das gewissermassen die schuetzende Dornenruestung, womit sich die schoene Rose des koerperlichen Lebens umgibt. Je freundlicher und zutunlicher Lydia wurde, desto ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst entnahm, wie schwer es einem moeglich wird, eine wirkliche Liebe zu zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng, traurig und leidend schien, schoepfte ich wieder einen halben Grund zu einer vernuenftigen Hoffnung, aber dies quaelte mich alsdann noch viel tiefer und ich hielt mich nicht wert, dass sie nur eine schlimme Minute um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Fuesse gelegt haette. Dann aergerte ich mich wieder, dass sie, um guter Dinge zu sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie ein verliebter naerrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und ich auf meine Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz, ich ging einer gaenzlichen Verwirrung entgegen, war nicht mehr imstande, ein einziges Geschaeft ordnungsgemaess zu verrichten, und lief Gefahr, als Soldat rueckwaerts zu kommen oder gar verabschiedet zu werden, wenn ich nicht als ein abhaengiger dienstbarer Lueckenbuesser, der zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs haengen wollte. "Als daher die Englaender in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen Voelkern gerieten und ein Feldzug eroeffnet wurde, der nachher ziemlich blutig fuer sie ausfiel, entschloss ich mich kurz und trat wieder in meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen Abschied nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte, bat und schmeichelte mir, dass ich bleiben moechte, wie alle solche Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfuegung da, um ihnen die Zeit zu vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen liess sich waehrend der drei oder vier Tage, waehrend welcher von meinem Abzug die Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur das Auge schien zornig, ihr Gang und die uebrigen Bewegungen waren dabei so still, edel und an sich haltend, dass dieser schoene Zorn mir das Herz zerriss. Auch hoerte ich, dass sie des Morgens sehr spaet zum Vorschein kaeme und dass man sich darueber den Kopf zerbraeche; denn es deutete darauf, dass sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am letzten Tage zufaellig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu bemerken, dass sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich schnell zurueck, als ich vorueberging. Nichtsdestominder schritt ich meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut derselben einigermassen zu zeigen und ihn, so gut es ging, zu einem provisorischen Gaertner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt zeigen wuerde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwaeldchen, das ich gezogen hatte; die Baeumen ragten just in die Hoehe des Gesichtes und waren so dicht, dass, wenn man darin herumging, die Rosen einem an der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu buecken brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens schien, zoegerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, dass ihr Traenen aus den Augen fielen. Ich hatte Muehe, mich zu bezwingen, doch tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war ich zehn Schritte gegangen, als ich hoerte und fuehlte, wie sie, bald laufend, bald stehenbleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich ploetzlich um und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war: 'Warum gehen Sie mir nach, Fraeulein?' "Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den Blick zur Erde gesenkt, gluehendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich und weiss und zitterte am ganzen Leibe, waehrend sie die grossen blauen Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte sie mit einer Stimme, in welcher empoerter Stolz mit gern ertragener Demuetigung rang: 'Ich denke, ich kann in meinem Besitztume herumgehen, wo ich will!' "'Gewiss!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, dass sie trotz ihrer kraeftigen Bewegungen mir mit Muehe folgen konnte, und doch tat sie es. Ich sah sie mehrmals gross an von der Seite und sah, dass ihr die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie kummervoll und demuetig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es ebenfalls siedendheiss im Gesicht und meine Augen wurden auch nass. Die Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, dass ich entweder eine Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe stand, wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war. Doch dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn sie der Teufel selbst waere! "Indem erreichten wir eine Staette, wo ein oder zwei Dutzend Orangenbaeume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfuellten, waehrend ein suesser frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten Staemme wehte. Ich glaube diesen betoerenden Hauch und Duft noch jetzt zu fuehlen, wenn ich daran denke, wahrscheinlich uebte er eine aehnliche Wirkung auf das Geschoepf, das neben mir ging, dass es seine wundersame Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so aufs aeusserste empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne waere; denn sie liess sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und senkte das schoene Haupt auf die Haende; die goldenen Haare fielen darueber und reiche Traenen quollen durch ihre Finger. "Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: 'Was wollen Sie denn, was ist Ihnen, Fraeulein Lydia?' "'Was wollen Sie denn!' sagte sie, 'ist es je erhoert, eine schoene und feine Dame so zu quaelen und zu misshandeln! Aus welchem barbarischen Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie fuer ein Stueck Holz in der Brust?' "'Wie quaele, wie misshandle ich denn?' erwiderte ich unschluessig und betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein. "'Sie sind ein grober und uebermuetiger Mensch!' sagte sie, ohne aufzublicken. "Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte, 'Sie wuerden dies nicht sagen, mein Fraeulein, wenn Sie wuessten, wie wenig grob und uebermuetig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist gerade meine grosse Hoeflichkeit und Demut, welche--' "Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem schmerzlichen, bittenden Laecheln aufgehellt, sagte sie hastig: 'Nun?' Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest von Ueberlegung brachte. Ich, der ich es nie fuer moeglich gehalten haette, selbst dem geliebtesten Weibe zu Fuessen zu fallen, da ich solches fuer eine Torheit und Ziererei ansah, ich wusste jetzt nicht, wie ich dazu kam, ploetzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz hinzugeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen, den ich mit heissen Traenen benetzte. Sie stiess mich jedoch augenblicklich zurueck und hiess mich aufstehen; doch als ich dies tat, hatte sich ihr Laecheln noch vermehrt und verschoenert und ich rief nun: 'Ja--so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und erzaehlte ihr meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, die ich mir kaum je zugetraut. Sie horchte begierig auf, waehrend ich ihr gar nichts verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus ueberstroemendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele lebte und wie ich es seit einem halben Jahre oder mehr so emsig und treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich niedersehend und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn stuetzend, und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewuenschtes Spielzeug gegeben, als sie hoerte und vernahm, wie nicht einer ihrer Vorzuege und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir verlorengegangen war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich erroetend, doch mit zufriedener Sicherheit: 'Ich danke Ihnen sehr, mein Freund, fuer Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, dass Sie um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind ein ganzer Mann und ich muss Sie achten, da Sie einer so schoenen und tiefen Neigung faehig sind!' "Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stueck Eis in mein heisses Blut; doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu goennen, wenn sie jetzt die gefasste und sich zierende Dame machen wolle, und mich in alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch anschlagen wuerde. "Doch erwiderte ich bekuemmert: 'Wer spricht denn von mir, schoene, schoene Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegenueber auch nur einer unmutigen oder gequaelten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich unwerter und ungefueger Geselle eine solche je ersetzen oder vergueten?' "'Nun,' sagte sie, immer vor sich niederblickend und immer noch laechelnd, doch schon in einer etwas veraenderten Weise, 'nun, ich muss allerdings gestehen, dass mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen sehr geaergert und sogar gequaelt hat; denn ich war an so etwas nicht gewoehnt, vielmehr dass ich ueberall, wo ich hinkam, Artigkeit und Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbare grobe Fuehllosigkeit hat mich ganz schaendlich geaergert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so lieber ist es mir nun, zu sehen, dass Sie doch auch ein bisschen Gemuet haben, und besonders, dass ich an meinem eigenen Werte nicht laenger zu zweifeln brauche; denn was mich am meisten kraenkte, war tiefer Zweifel an mir selbst, an meinem persoenlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann. Uebrigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig als zu jemand anderm, und hoffe, dass Sie sich mit aller Hingebung und Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das Unabaenderliche fuegen werden, ohne mir gram zu sein!' "Wenn sie geglaubt, dass ich nach dieser unbefangenen Eroeffnung gaenzlich rat- und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie sich getaeuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen Weibe hatte mein Herz gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen gefaehrlichen Selbstsucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor Tigern und Schlangen zu tun gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt verwirrt und verzweifelt zu sein und die Taeuschung nicht aufgeben zu wollen, wie es sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich ploetzlich so kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein sonnte, der auf das schmaehlichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie ein Jaeger es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes urploetzlich eine wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes, unheimliches Gefuehl von Kaelte freilich, wenn ich bei alledem die Schoenheit ansehen musste, die da vor mir glaenzte. Doch dieses ist das unheimliche Geheimnis der Schoenheit. "Indessen, waere ich nicht von der Sonne ganz braungebrannt gewesen, so wuerde ich jetzt dennoch so weiss ausgesehen haben, wie die Orangenblueten ueber mir, als ich ihr nach einigem Schweigen erwiderte. 'Und also um Ihren edlen Glauben an Ihre Persoenlichkeit herzustellen, war es Ihnen moeglich, alle Zeichen der reinen und tiefen Liebe und Selbstentaeusserung zu verwenden? Zu diesem Zwecke gingen Sie mir nach, wie ein unschuldiges Kind, das seine Mutter sucht, redeten Sie mir fortwaehrend nach dem Munde, wurden Sie bleich und leidend, vergossen Sie Traenen und zeigten eine so goldene und rueckhaltlose Freude, wenn ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?' "'Wenn es so ausgesehen hat, was ich tat,' sagte sie noch immer selbstzufrieden, 'so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig boese, eitler Mann! dass Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar so demutvollen und grenzenlosen weiblichen Hingebung sind?' 'Dass ich Aermste nicht das sehnlich bloekende Laemmlein bin, fuer das Sie mich in Ihrer Vergnuegtheit gehalten?' "'Ich war nicht vergnuegt, Fraeulein!' erwiderte ich. 'Indessen wenn die Goetter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen vielfach sich hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr hoechstes Glueck darin fand, dieser rueckhaltlosen Liebe der Goetter wert zu sein und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schaemen, mich aehnlich geliebt gewaehnt zu haben? Nein, Fraeulein Lydia! Ich rechne es mir sogar zur Ehre an, dass ich mich von Ihnen fangen liess, dass ich eher an die einfache Liebe und Guete eines unbefangenen Gemuetes glaubte, bei so klaren und entschiedenen Zeichen, als dass ich verdorbenerweise nichts als eine einfaeltige Komoedie dahinter gefuerchtet. Denn einfaeltig ist die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun fuer Ihren Glauben an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den aermsten aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schoene und vornehme englische Dame?' "'Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmaehlich blass und verlegen wurde, 'ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklaerung ich Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen, dass Sie hingerissen waren und mir soeben erzaehlten, wie ich Ihnen von jeher gefallen? Warum liessen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein klein weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchslosesten Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt waere, so wurde uns diese ganze Komoedie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich haette mich begnuegt!' "'Haetten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schoene', erwiderte ich, 'so haetten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, dass dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren muss, zu meinen eigenen Schmerzen!' "'Hilft Ihnen nichts,' sagte sie, 'ich weiss einmal, dass ich Ihnen wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Gestaendnis angehoert und bin meiner Eroberung versichert. Alles uebrige ist gleichgueltig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden diejenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Koenigin Schoenheit!' 'Das heisst,' sagte ich, 'es scheint dies Reich eher einer Zigeunerbande zu gleichen. Wie koennen Sie eine Feder auf den Hut stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen den Willen des Eigentuemers?' "Sie antwortete: 'Auf diesem Felde, bester Herr Eigentuemer, gereicht der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue, wie gut ich Sie getroffen habe!' "So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem suessen Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert fuer sie haben koennte, den sie ihr beilegte. Ich fuehrte diesen Beweis nicht nur aus philisterhafter Verletztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen Funken vom Gefuehl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht einsehen, dass eine rechte Gemuetsverfassung erst dann in der vollen und rueckhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben glaubt; und also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fuehlen, immer ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so gewissenloser, als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam sie auf das Faktum meiner Liebeserklaerung zurueck, und zwar warf sie, die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten, kleinlichsten und unanstaendigsten Reden und Argumente durcheinander und tat einen wahren Kindskopf kund. Waehrend der ganzen Jahre unsers Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen, wie in dieser letzten zaenkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter Gott! dass es ein Weib war von einem grossangelegten Wesen, mit den Manieren, Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes, und bei alledem mit dem Gehirn--einer ganz gewoehnlichen Soubrette, wie ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern zu Paris! Waehrend dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch fortwaehrend mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so persoenlich scheinende Schoenheit quaelte mein Herz in die Wette mit dem Wortwechsel, den wir fuehrten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und unverschaemte Dinge sagte, rief ich, in bittere Traenen ausbrechend: 'O Fraeulein! Sie sind ja der groesste Esel, den ich je gesehen habe!' "Sie schuettelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so schoenen Mund schwebte. Es sollte wohl ein hoehnisches Laecheln sein, ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit. "'Ja,' sagte ich, mit den Faeusten meine Traenen zerreibend, 'nur wir Maenner koennen sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre fuer Sie. Waeren Sie nur ein bisschen gewoehnlicher und geringer, so wuerde ich Sie einfach eine schlechte Gans schelten!' "Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefuehle, dass ich das, was mir jemals in meinem Leben von reinem Glueck beschieden sein mochte, jetzt fuer immer hinter mir lasse, und dass es jetzt vorbei waere mit meiner glaeubigen Froemmigkeit in solchen Dingen. "Das hast du nun von deinem unglueckseligen Schmollwesen! sagte ich zu mir selbst, haettest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr freundlich gesprochen, so haette es dir nicht verborgen bleiben koennen, wes Geistes Kind sie ist, und du haettest dich nicht so groeblich getaeuscht! Fahr hin und zerfliesse denn, du schoenes Luftgebilde! "Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur verabschiedete, sah mich derselbe vergnueglich und verschmitzt an und blinzelte spoettisch mit den Augen. Ich merkte, dass er meine Affaere wohl kannte, ueberhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine Art von schadenfrohem Spass darueber empfand. Da er sonst ein ganz biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als die einfaeltige Freude aller Philister an grausamen und schlechten Bratenspaessen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich grosse Herren daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu machen und dann mit Wasser zu begiessen oder koerperlich zu misshandeln. Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr beliebt; dagegen unterhaelt man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen anzuzetteln, und je weniger solche Philisterseelen selber einer starken und gruendlichen Leidenschaft faehig sind, desto mehr fuehlen sie das Beduerfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos aufgestellte Mausefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur seinerseits es nicht verschmaehte, seine eigene Tochter als gebratenen Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich nahm, obschon noch ein guter Gepaeckwagen abfuhr, eigensinnig meinen schweren Tornister und die Muskete auf den Ruecken und fuehrte einen zurueckgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das schon in der Fruehe abmarschiert war. "Ich sah mich nach einem muehseligen und heissen Marsch nun in eine neue Welt versetzt, als die Kampagne eroeffnet war und die Truppen der ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstaemmen an der aeussersten Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien unseres Regimentes waren fortwaehrend vorgeschoben; eines Tages aber wurde die meinige so moerderisch umzingelt, dass wir uns mitten in einem Knaeuel von banditenaehnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille schoene hindostanische Scheinfuersten sassen, von den wilden Haeuptlingen als Puppen mitgefuehrt. Unsere saemtlichen Offiziere fielen an diesen Tagen und die Kompanie schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und einige Dienste leistete, so erlangte ich das Patent des ersten Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren Kapitaen. "Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfuenfzig Mann zwei Jahre lang einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Abrundung unseres Gebietes erobert worden, und war waehrend dieser Zeit der oberste Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als ich je in meinem Leben gewesen, misstrauisch gegen alle Welt und ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade boese oder ungerecht zu sein. Meine Haupttaetigkeit bestand darin, christliche Polizei einzufuehren und unsern Religionsleuten nachdruecklichen Schutz zu gewaehren, damit sie ungefaehrdet arbeiten konnten. Hauptsaechlich aber hatte ich das Verbrennen indischer Weiber zu verhueten, wenn ihre Maenner gestorben, und da die Leute eine foermliche Sucht hatten, unser englisches Verbot zu uebertreten und einander bei lebendigem Leibe zu braten zu Ehren der Gattentreue, so mussten wir stets auf den Beinen sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso muerrisch und missvergnuegt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes Vergnuegen stoert. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache ganz schlau und heimlich soweit gebracht, dass der Scheiterhaufen schon lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Voelkchen auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten, gaenzlich vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben ihm aber lag ein bildschoenes Weibchen von kaum sechzehn Jahren, welches mit laechelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang. Gluecklicherweise hatte das Geschoepfchen noch nicht Feuer gefangen und ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den zierlichen Fuesschen zu packen und vom Holzstoss zu ziehen. Sie gebaerdete sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt sein mit ihrem alten Staenker, so dass ich die groesste Muehe hatte, sie zu baendigen und zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht viel durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der aeussersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne dass das Gouvernement etwas dafuer tat, ihnen das gerettete Leben auch leichtzumachen. Diese Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine Aussteuer verschaffte und an einen getauften Hindu verheiratete der bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing. "Allein diese wunderlichen Vorfaelle beschaeftigten meine Gedanken und erweckten allmaehlich in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher unbedingten Treue, und da ich fuer diese Laune kein Weib zu meiner Verfuegung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber so treu zu sein, und damit zugleich einer heissen Sehnsucht nach Lydia. Da ich nun Rang und gute Aussichten besass, schien es mir nicht unmoeglich, bei einem klugen Benehmen die schoene Person, falls sie noch zu haben waere, dennoch erlangen zu koennen, und in dieser tollen Idee bestaerkte mich noch der Umstand, dass sie sich doch so viel aufrichtige und sorgenvolle Muehe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen Wert musst du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst haette sie gewiss nicht so viel darangesetzt. Also gedacht, getan; naemlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn sie mich moechte, zu heiraten, wie sie eben waere, und ihr um ihrer schoenen Persoenlichkeit willen, fuer die es nichts Aehnliches gab, treu und ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu ertragen, als ob sie das suesseste Zuckerbrot waeren. Ja, ich phantasierte mich wieder so hinein, dass mir ihre Fehler, selbst ihre teilweise Dummheit zum wuenschbarsten aller irdischen Gueter wurden, und in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die Verkehrtheiten und Maengel einer liebenswuerdigen Frau taeglich und stuendlich in ebensoviel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln und ihren Dummheiten mittels einer von Liebe und Treue getragenen Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so dass sie lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun koenne. Gott weiss, wo ich diese geschaeftige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer noch aus dem ungluecklichen Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat! "Kurz, als ich hinlaenglich wieder berauscht war von meinen Traeumen und von meinem entlegenen Posten zugleich abgeloest wurde, nahm ich Urlaub und begab mich Hals ueber Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch in den alten Verhaeltnissen und empfing mich ganz gut und auch die Tochter war noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich erwartet. Kaum hatte ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen gehoert, so war ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen Idee vollends bestaerkt, und es schien mir unmoeglich, ohne die Verwirklichung derselben je frohzuwerden. "Allein sie betrieb nun das Geschaeft in krankhafter Ueberreizung ganz offen und grossartig und froente ihrer ungluecklichen Selbstsucht ohne allen Rueckhalt. Sie war jetzt umgeben von einer Schar ziemlich roher und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinaere Weise den Hof machten und sagten, was sie gern hoeren mochte, kam es auch heraus, wie es wollte. Es war eine vollstaendige Hetzjagd von Trivialitaeten und hohlem Wesen, und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten angenommen, wenn sie nur aus gaenzlicher Ergebenheit herzuruehren schienen und die Unglueckliche in ihrem Glauben an sich selbst aufrecht erhielten. Ausserdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour mit einem einzigen Blick den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen umherging und sich ihr ueberall in den Weg stellte; und einen Schuster, der fuer sie arbeitete, hatte sie dermassen betoert, dass er jedesmal, wenn er ihr Schuhe brachte, auf dem Hausflur ein Buerstchen mit einem Spiegelchen hervorzog und sich sorgfaeltig den Kopf putzte, wie eine Katze, da er zuverlaessig erwartete, es wuerde diesmal etwas vorgehen. Wenn man ihn kommen sah, so begab sich die ganze Gesellschaft auf eine verdeckte Galerie, um dem armen Teufel in seinem feierlichen Werke zuzusehen. Das Sonderbarste war, dass niemand an diesem Wesen ein Aergernis nahm, man also nichts Besseres von Lydia zu erwarten schien und ihre Auffuehrung ihrer wuerdig hielt und also ich der einzige war, der so grosse Meinungen von ihr im Herzen trug, so dass alle diese Hausnarren, die ich verachtete, die sie aber nahmen, wie sie war, klueger zu sein schienen, als ich in meiner tiefsinnigen Leidenschaft. Aber nein! rief ich, sie ist doch so, wie ich sie denke, und eben weil das alles Strohkoepfe sind, sind sie so frech gegen sie und wissen nicht, was an ihr ist oder sein koennte! Und ich zitterte danach, ihr noch einmal den Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besseres Bild zurueckstrahlte und alles Wertlose um sie her wegblendete. Allein der aeussere Anstand und die Haltung, welche ich auch bei aller Anstrengung nicht aufgeben konnte, machten es mir unmoeglich, mich unter diese Affenschwaenze zu mischen und nur den kleinsten Schritt gegen Lydia zu tun. Ich ward abermals konfus, ungeduldig, nahm ploetzlich meinen Abschied aus der indischen Armee und machte mich davon, um heimzukehren und die Unselige zu vergessen. "So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf. Da ich eine grosse Menge schoener und kluger Weiber sah, dachte ich, es waere das beste Mittel, meine unglueckliche Geschichte loszuwerden, in recht viele huebsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von Theater zu Theater, und an alle Orte, wo dergleichen beisammen waren; liess mich auch in verschiedene gute Haeuser und Gesellschaften einfuehren. Ich sah in der Tat viele tuechtige Gestalten von edlem Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen; aber alles was ich sah, fuehrte mich nur auf Lydia zurueck und diente zu deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb aufs neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste, sonderbarste Gefuehl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zumute, als ob notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein muesste, welches genau das Aeussere und die Manieren dieser Lydia, kuerz deren bessere Haelfte besaesse, dazu aber auch die entsprechende andere Haelfte, und dass ich nur dann wuerde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia faende; oder es war mir, als ob ich verpflichtet waere, die rechte Seele zu diesem schoenen halben Gespenste zu suchen; mit einem Worte, ich wurde abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging, zurueckzukehren, suchte ich neue Sonnenglut, Gefahr und Taetigkeit und nahm Dienste in der franzoesisch- afrikanischen Armee. Ich begab mich sogleich nach Algier und befand mich bald am aeussersten Saume der afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem gluehenden Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug." Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen Unfug machen musste, traeumte, es falle eine Treppe hinunter, und demgemaess auf seinem Stuhle ein ploetzliches Geraeusch erregte, blickte der erzaehlende Pankrazius endlich auf und bemerkte, dass seine Zuhoererinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, dass er denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzaehlt, schaemte sich dessen und wuenschte, dass sie gar nichts davon gehoert haben moechten. Er weckte die Frauen auf und hiess sie ins Bett gehen, und er selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber gemuetlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie einst, als er der faule und unnuetze Pankraezlein gewesen, so dass ihn die Mutter wie ehedem wecken musste. Als sie nun zusammen beim Fruehstueck sassen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht fortfahrend: "Wenn ihr nicht geschlafen haettet, so wuerdet ihr gehoert haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem Murrkopf ein aeusserst zutunlicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines schoenen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes Frauenzimmer naeher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben liess; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugestaehlter Schmoller aus Indien nach Afrika ging zu den Franzosen, um dort den Burnustraegern die laecherlichen turmartigen Strohhuete herunterzuschlagen und ihnen die Koepfe zu zerblaeuen, was ich mit so grimmigem Eifer tat, dass ich auch bei den Franzosen avancierte und Oberst ward, was ich geblieben bin bis jetzt. Ich war wieder so einsilbig und truebselig als je und kannte nur zwei Arten, mich zu vergnuegen: die Erfuellung meiner Pflicht als Soldat und die Loewenjagd. Letztere betrieb ich ganz allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Buechse bewaffnet zu Fuss ausging und das Tier aufsuchte, worauf es dann darauf ankam, dasselbe sicher zu treffen, oder zugrunde zu gehen. Die stete Wiederholung dieser einen grossen Gefahr und das moegliche Eintreffen eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heissen Hoehen herumstreifte und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der mich gar wohl bemerkte und ein aehnliches schmollendes Spiel trieb mit mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefaehr vier Monaten ein ungewoehnlich grosser Loewe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell hier liegt, und lichtete den Beduinen ihre Herden, ohne dass man ihm beikommen konnte; denn er schien ein durchtriebener Geselle zu sein und machte taeglich grosse Maersche kreuz und quer, so dass ich bei meiner Weise zu Fuss zu jagen lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von ferne zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei- oder dreimal gesehen, ohne zum Schuss zu kommen, kannte er mich schon und merkte, dass ich gegen ihn etwas im Schilde fuehre. Er fing gewaltig an zu bruellen und verzog sich, um mir an einer andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen so umeinander herum waehrend mehreren Tagen wie zwei Kater, die sich zausen wollen, ich lautlos, wie das Grab, und er mit einem zeitweiligen wilden Geknurre. "Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil der Loewe tags vorher sich auf der entgegengesetzten Seite herumgetrieben und einen vergeblichen Raubversuch gemacht; da die dortigen Leute mit ihren Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemaechlich ueber ein huegeliges gold-gelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange himmelblaue Schatten ueber den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen das arabische Staedtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande der Aussicht einige Waelder und gruene Fluren, auf denen man den Rauch und selbst die Zelte der Beduinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war totenstill ueberall und kein lebendes Wesen zu erspaehen. Da stiess ich an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze steinige Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr stand. Es floss ein kuehler, frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo ich eben stand, war die Vertiefung ganz mit gluehendem Oleandergebuesch angefuellt. Nichts war schoener zu sehen, als das frische Gruen dieser Straeucher und ihre tausendfaeltigen rosenroten Blueten und zu unterst das fliessende klare Waesserlein. Der Anblick liess eine verjaehrte Sehnsucht in mir aufsteigen und ich vergass, warum ich hier herumstrich. Ich wuenschte, in den Oleander hinabzugehen und aus dem Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in die Schlucht hinunter, wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank, mein Gesicht benetzte und dabei an die schoene Lydia dachte. Ich gruebelte, wo sie wohl sein moechte, wo sie jetzt herumwandle und wie es ihr ueberhaupt gehen moechte? Da hoerte ich ganz nah den Loewen ein kurzes Gebruell ausstossen, dass der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah, dass das grosse Tier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr angekommen war. Und wie ich dastand, so blieb ich auch stehen, die Augen auf die Bestie geheftet. Denn als er mich erblickte, kauerte er zum Sprunge nieder, gerade ueber meiner Doppelbuechse, dass sie quer unter seinem Bauche lag, und wenn ich mich nur geruehrt haette, so wuerde er gesprungen sein und mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand und stand so einige lange Stunden, ohne ein Auge von ihm zu verwenden und ohne dass er eines von mir verwandte. Er legte sich gemaechlich nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg hoeher; aber waehrend die furchtbarste Hitze mich zu quaelen anfing, verging die Zeit so langsam, wie die Ewigkeit der Hoelle. Weiss Gott was mir alles durch den Kopf ging: ich verwuenschte die Lydia, deren blosses Andenken mich abermals in dieses Unheil gebracht, da ich darueber meine Waffe vergessen hatte. Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen und auf das wilde Tier loszuspringen mit blossen Haenden; allein die Liebe zum Leben behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das versteinerte Weib des Loth oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn mein Schatten ging mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und begann schon wieder sich zu verlaengern. Das war die bitterste Schmollerei, die ich je verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte, wenn ich dieser Gefahr entraenne, so wolle ich umgaenglich und freundlich werden, nach Hause gehen und mir und andern das Leben so angenehm als moeglich machen. Der Schweiss lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter Anstrengung, um mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrechtzuhalten, leise an allen Gliedern, und wenn ich nur die vertrockneten Lippen bewegte, so richtete sich der Loewe halb auf, wackelte mit seinem Hintergestell, funkelte mit den Augen und bruellte, so dass ich den Mund schnell wieder schloss und die Zaehne aufeinander biss. Indem ich aber so eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben musste, verschwand der Zorn und die Bitterkeit in mir, selbst gegen den Loewen, und je schwaecher ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich angenehm duenkenden, lieblichen Geduld, dass ich alle Pein aushielt und tapfer ertrug. Es wuerde aber, als endlich der Tag schon vorgerueckt war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung sich auftat. Das Tier und ich waren so ineinander vernarrt, dass keiner von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Ruecken des Loewen hermarschiert kamen, bis sie auf hoechstens dreissig Schritte nahe waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war, mich zu suchen, da sich Geschaefte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre auf der Schulter und ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen gleich einer himmlischen Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre Schritte hoerte in der Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von weitem etwas bemerkt und waren so leise als moeglich gegangen. Ploetzlich schrien sie jetzt: 'Schau die Bestie! Hilf dem Oberst!' Der Loewe wandte sich um, sprang empor, sperrte wuetend den Rachen auf, erbost wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschluessig, auf wen er sich zuerst stuerzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave lustige Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der eine unter seinen Tatzen und es waere ihm schlecht ergangen, wenn nicht der andere im gleichen Augenblicke dem Tier, zugleich den Schuss abfeuernd, das Bajonett ein halbes Dutzendmal in die Flanke gestossen haette. Aber auch diesem wuerde es schliesslich schlimm ergangen sein, wenn ich nicht endlich auf meine Buechse zugesprungen, auf den Kampfplatz getaumelt waere und dem Loewen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in das Ohr geschossen haette. Er streckte sich aus und sprang wieder auf, es war noch der Schuss aus der andern Muskete noetig, ihn abermals hinzustrecken, und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an dem Tiere, so zaeh und wild war sein Leben. Es hatte merkwuerdigerweise keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der unter dem Loewen gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und einige tuechtige Schrammen auf der Schulter. So war die Sache fuer diesmal gluecklich abgelaufen und wir hatten obenein den lange gesuchten Loewen erlegt. Ein wenig Wein und Brot stellte meinen guten Mut vollends wieder her, und ich lachte wie ein Narr mit den guten Soldaten, welche ueber die Freundlichkeit und Gespraechigkeit ihres boesen Obersten sehr verwundert und erbaut waren. "Noch in selber Woche aber fuehrte ich mein Geluebde aus, kam um meine Entlassung ein, und so bin ich nun hier." So lautete die Geschichte von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren hoechlich verwundert ueber seine Meinungen und Taten. Er verliess mit ihnen das Staedtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kantons, wo er Gelegenheit fand, mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen ein dem Lande nuetzlicher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser Tuechtigkeit, als seiner unverwuestlichen ruhigen Freundlichkeit wegen geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rueckfall in das fruehere Wesen. Nur aergerten sich Estherchen und die Mutter, dass ihnen die Geschichte mit der Lydia entgangen war, und wuenschten unaufhoerlich deren Wiederholung. Allein Pankraz sagte, haetten sie damals nicht geschlafen, so haetten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal erzaehlt und werde es nie wieder tun, es sei das erste und letzte Mal, dass er ueberhaupt gegen jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen, und damit Punktum. Die Moral von der Geschichte sei einfach, dass er in der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des Schmollens entwoehnt worden sei. Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten unaufhoerlich: "Wie hiess sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso unaufhoerlich: "Haettet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht mehr!" Und er hielt Wort; niemand hoerte ihn jemals wieder das Wort aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben. * * * * * ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE Diese Geschichte zu erzaehlen, wuerde eine muessige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die grossen alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist maessig; aber stets treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten. An dem schoenen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl vorueberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fusse liegt ein Dorf, welches manche grosse Bauernhoefe enthaelt, und ueber die sanfte Anhoehe lagen vor Jahren drei praechtige lange Aecker weithingestreckt, gleich drei riesigen Baendern nebeneinander. An einem sonnigen Septembermorgen pfluegten zwei Bauern auf zweien dieser Aecker, und zwar auf jedem der beiden aeussersten; der mittlere schien seit langen Jahren brach und wuest zu liegen, denn er war mit Steinen und hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von gefluegelten Tierchen summte ungestoert ueber ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Maenner von ungefaehr vierzig Jahren und verkuendeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem jede Falte ihre unveraenderliche Lage hatte und wie in Stein gemeisselt aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stossend, den Pflug fester fassten, so zitterten die groben Hemdaermel von der leichten Erschuetterung, indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche bemassen, oben auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geraeusch die Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen natuerlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuss um den andern vorwaerts und keiner sprach ein Wort, ausser wenn er etwa dem Knechte, der die stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die urspruengliche Art dieser Gegend dar, und man haette sie auf den ersten Blick nur daran unterscheiden koennen, dass der eine den Zipfel seiner weissen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken haengen hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der entgegengesetzten Richtung pfluegten; denn wenn sie oben auf der Hoehe zusammentrafen und aneinander vorueberkamen, so schlug dem, welcher gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten ueber, waehrend sie bei dem andern, der den Wind im Ruecken hatte, sich nach vorne straeubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo die schimmernden Muetzen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei weisse Flammen gen Himmel zuengelten. So pfluegten sie beide ruhevoll und es war schoen anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn sie so auf der Hoehe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich maehlich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide wie zwei untergehende Gestirne hinter die Woelbung des Huegels hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen sie denselben auf den wuesten Acker in der Mitte mit laessig kraeftigem Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit allen Steinen belastet war, welche ueberhaupt auf den Nachbaraeckern zu finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich naeherte, welches kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Hoehe heranzukommen. Das war ein gruenbemaltes Kinderwaegelchen, in welchem die Kinder der beiden Pflueger, ein Knabe und ein kleines Ding von Maedchen, gemeinschaftlich den Vormittagsimbiss heranfuhren. Fuer jeden Teil lag ein schoenes Brot, in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Glaesern und noch irgendein Zutaetchen in dem Wagen, welches die zaertliche Baeuerin fuer den fleissigen Meister mitgesandt, und ausserdem waren da noch verpackt allerlei seltsam gestaltete angebissene Aepfel und Birnen, welche die Kinder am Wege aufgelesen, und eine voellig nackte Puppe mit nur einem Bein und einem verschmierten Gesicht, welches wie ein Fraeulein zwischen den Broten sass und sich behaglich fahren liess. Dies Fuhrwerk hielt nach manchem Anstoss und Aufenthalt endlich auf der Hoehe im Schatten eines jungen Lindengebuesches, welches da am Rande des Feldes stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute naeher betrachten. Es war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fuenfen, beide gesund und munter, und weiter war nichts Auffaelliges an ihnen, als dass beide sehr huebsche Augen hatten und das Maedchen dazu noch eine braeunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflueger waren jetzt auch wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und liessen die Pfluege in der halbvollendeten Furche stehen, waehrend sie als gute Nachbarn sich zu dem geme